Nachruf:

Ein Segelflieger der allerersten Stunde

Unser langjähriges Ehrenmitglied Günter Ruffert ist mit 96 Jahren gestorben

Es war eine Außenlandung, die in dem jungen Günter die Begeisterung für das Fliegen weckte: Ein Segelflieger musste mit seiner Maschine auf einem Acker vor der Schule in dem Dorf Kummernik bei Liegnitz landen. Der Lehrer bat den Piloten herein, um den Schülern etwas über das fast lautlose Gleiten durch die Lüfte zu erzählen: Die Jungen hingen an den Lippen des Piloten – und Günter wusste sofort, dass er auch aufsteigen und fliegen wollte.

Bereits mit 14 Jahren setzte er sich in die Gleiter, die damals mitunter nur einen Hügel herunter schwebten: Bereits 1942 legte er dann mit 15 Jahren in seiner Heimat Schlesien die A-Prüfung ab, es folgten die B-und-C Prüfung und mit 17 Jahren der Luftfahrerschein. Mit dem damals bekannten „Grunau-Baby“ absolvierte er so manche Flugstunde.

Doch der Krieg unterbrach seine Fliegerkarriere abrupt. Mit 17 Jahren wurde er 1944 zwar zur Luftwaffe eingezogen – aber Hitlers Armee ging der Sprit aus. Und so musste Günter als blutjunger Soldat für die Infanterie mit der Waffe in den letzten großen Schlachten des Zweiten Weltkrieges kämpfen: An der Westfront im Hürtgenwald gegen die US-Armee, wo er verwundet wurde, und später an der Oderfront im Osten gegen die vorrückenden Panzerverbände der Roten Armee.

Er erlebte den Rückzug der Wehrmacht, den Endkampf um Berlin – und sah viele seiner Kameraden sterben. Nach der deutschen Kapitulation geriet er in Gefangenschaft und wurde für fünf Jahre zur Zwangsarbeit nach Russland deportiert: Einer der grausamen Aufgaben war es, die Sterbenden aus dem Gefangenenlager in ein Todeslager zu transportieren – welche Spuren das in der Seele des jungen Mannes hinterlassen hat, kann man nur erahnen.

Doch Günter überlebte und kehrte Anfang der 50er Jahre nach Bochum zurück, wo seine Familie nach der Vertreibung aus Schlesien lebte. Das Fliegervirus war immer noch in ihm – und so gehörte er zu den ersten, die bereits 1951 dabei mithalfen, in Borkenberge eine Halle aufzubauen. 1953 war er der erste Flugschüler an der Flugschule in Unterwössen. Dort erwarb er nach einem Fünf-Stundenflug 1960 die Silber-C.

Als fleißiger Handwerker und Stuckateur half er in den 50er und 60er Jahre dabei mit, die letzten Trümmer wegzuräumen und Deutschland wieder aufzubauen: Für verschiedene Bauunternehmen war er in Bochum und Essen, aber auch in Hamburg und Berlin unterwegs. Zusammen mit anderen jungen Männern genoss er seine Freizeit in Bochum: bei Fahrten erst mit dem Motorrad, später mit dem VW-Käfer – aber die Wochenenden gehörten immer dem Segelfliegen.

Anfang der 60er Jahre baute er sein erstes Haus in Essen-Steele, bevor es ihn mit Frau und Sohn 1972 nach Haltern-Sythen in die Nähe seines geliebten Flugplatzes Borkenberge zog. Dort arbeitete er als selbständiger Handwerker, half auch bei vielen Bauarbeiten in Borkenberge mit und ging erst mit 70 Jahren in Rente.

Das Fliegen gab er aber nicht auf: Neben Flügen nach Sylt oder Norderney war ein Highlight der Deutschlandflug mit verschiedenen Motorseglern quer durch die Republik. Bis zu seinem 83. Lebensjahr war er selber am Steuerknüppel, kurbelte mit den Vögeln um die Wette. Dann bestand er wegen seiner Augen die medizinische Tauglichkeitsprüfung nicht mehr und war künftig Co-Pilot. Mit 90 Jahren nahm ihn ein Fliegerkamerad ein letztes Mal im Segelflieger mit. Aber noch mit 94 lies er es sich nicht nehmen, bei einem Rundflug um Helgoland vom Flugplatz Büsum aus mitzumachen.

Die Verbindung zu Borkenberge war Günter bis ins hohe Alter immer wichtig. Regelmäßig kam er noch mit über 90 Jahren zum Kaffeetrinken ins Vereinshaus: erst mit dem E-Bike, dann mit dem Elektromobil und später gebracht von seinem Sohn. Er genoss es, den Segelflugzeugen zuzusehen, den Gesprächen der noch aktiven Segelflieger zu lauschen und hier und da auch seine Erfahrungen weiter zu geben. Erst mit 96 Jahren verließen ihn die letzten Kräfte, und er starb in dem Haus in Haltern-Sythen, das er einst als Handwerker fast im Alleingang gebaut hatte: Wir sind traurig und werden ihn vermissen.

Die Trauerfeier ist am Freitag, 27. Oktober, um 12.30 Uhr im ev. Gemeindezentrum „Blickpunkt“ in Haltern-Sythen, „Zum Blickpunkt“. Anschließend folgen die Beisetzung in der RuhestätteNatur in Sythen und ein Kaffeetrinken im Prickingshof.

Michael Ruffert/Gisbert Alfing